Zwischen Selbstverwirklichung und Glück.

Generation Praktikum – die freiwillige Selbstausbeutung nach dem Abitur

Juni 29, 2018.Marin Niehues.4 Likes.0 Comments
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Meine Erfahrung mit Praktika

Praktika – die Grundnahrungsmittel des Arbeitsmarktes unserer Zeit.
Was muss das entspannt gewesen sein, als unsere Eltern und Großeltern einfach in einen Beruf eingestiegen sind und bezahlt wurden, während sie sich fortgebildet haben. Das ist für uns heute kaum noch vorstellbar.
Ohne ein Praktikum geht einfach nichts. Erfahrungen gelten heute als Währung, die menschenwürdigen Lohn scheinbar komplett aufwiegt.

 

Bis heute bin ich begeistert von den Möglichkeiten der Drohnenaufnahmen.

Praktikum als Mediengestalter Bild/Ton

Ich wusste nie wirklich was genau ich machen wollte, habe in meiner Jugendzeit sehr gerne gefilmt und auch einen Kurzfilm gedreht und Regie geführt. Für mich lag es also nahe in den Mediensektor einzusteigen. Also ging ich auf einschlägige Jobbörsen und schaute nach Ausbildungen zu Mediengestalter in Bild und Ton und in entsprechende Studiengänge. Ich merkte schnell: Ohne Praktikum geht hier gar nicht – schon gar nicht wenn ich studieren will.

Nun lebte ich damals noch in meiner recht konservativen Heimatstadt mit 30.000 Einwohner, innovative Medienunternehmen mit neuen Konzepten und interessanten Inhalten sind da eher Mangelware. Umso dankbarer war ich, als ich kurz vor meinem Abitur eine Praktikumsstelle in einer neuen Medienagentur als Cutter und Filmer bekommen habe. Für 200€ im Monat für eine stundenmäßige Vollzeitstelle. Benefits absolute Fehlanzeige. Trotzdem habe ich mich gefreut, schließlich waren 200€ damals deutlich mehr als mein Taschengeld und mit 18 als Cutter zu arbeiten war sowieso super cool und man super hip im Geschäft und man kann meinem ehemaligen Chef keinen Vorwurf machen. Es war ein neues Unternehmen und ich habe den Lohn freiwillig vorgeschlagen – Hauptsache ich bekomme ein cooles Praktikum. Vollzeitstelle, Außeneinsätze, externe Drehaufträge mit Übernachtungen – das war mir alles egal und ich wusste auch noch nicht wie anstrengend das alles sein würde.

Long story short: Nach 5 Monaten habe ich das Prakitkum, welches aus 12 Monate ausgelegt war, dann aus zweierlei Gründen abgebrochen:

  1. Die Bezahlung war nicht tragbar, da nun das Mindestlohngesetz inkraft trat.
  2. Ich habe entdeckt, dass Medienproduktion im Angestelltenverhältnis nicht meins ist.

Meine Praktika in der Schule

Also stand ich wieder vor dem Nichts. Auf Anraten meiner Eltern habe ich mich dann dazu überreden lassen, Lehramt zu studieren (Dazu bald mal ein eigener Artikel – dumme Entscheidung) und dafür musste man – wie sollte es auch anders sein – erstmal ein Praktikum machen. Also ab in die Schule und – einfach einen Monat lang hinten in der Klasse sitzen.

Ich habe mir wortwörtlich den Arsch wundgesessen. Jeden Tag 6-8 Schulstunden saß ich in Klassen aller Jahrgangsstufen rum, die Abiturienten kaum älter als ich, und beschaute mir ohne Hintergrundwissen den Unterricht der Lehrer*innen. Man muss kein Einstein sein um zu sehen, dass es einem nichts bringt ohne Fachwissen, Fachpersonal bei der Arbeit zu beobachten. In einer Klasse sitzen ohne Ahnung von Unterricht zu haben und sich den Schulstoff anhören – das nennt sich dann „zur Schule gehen“ und mit einem Praktikum hatte das alles extrem wenig zu tun.

Mein zweites Praktikum in der Schule war dann im 4. Semester meines Studiums. Pädagogisches Fachwissen – check. Fachliches Wissen – check. Bock – Fehlanzeige. Das vierte Semester war das Semester in dem mir bereits sehr bewusst war, dass ich kein Lehrer werden will. Also erstmal 2 Monate in die Schule und auch hier wieder: nach hinten setzen und schweigen. Es gab 1-2 schöne kleine Momente, aber sonst unterschied sich das Praktikum kein bisschen vom ersten. Naja – ich konnte jetzt sagen, dass die meisten Lehrer*innen sich nicht an universitäre Bildungsvorgaben halten, sondern eher nach Gefühl und mit Empathie unterrichten – aber das war es dann auch.

So sah ich nach einem überstandenen Schultag übrigens ungefähr aus.

Geld im Praktikum: Wie finanziere ich das?

Außerhalb meines regulären Schullaufbahn habe ich also 8 Monate Praktika gemacht und dabei nur bei meinem ersten Praktikum über 5 Monate insgesamt rund 1000€ verdient. Die 3 Monate in der Schule waren unbezahlt. Also – wie finanziere ich das?
Während meines ersten Praktikums habe ich noch bei meinen Eltern gewohnt, Fixkosten fielen also weg. Anders hätte das auch kaum geklappt. Mit Kindergeld und Lohn hätte ich 400€ gehabt, hätte ich alleine wohnen wollen. Ich weiß nicht, was ihr so an Miete zahlt / zahlen wollt, aber Spoiler: 400€ reicht zum Leben mit Miete eher weniger.

Mein zweites Praktikum fand dann in meinem Geburtsort 180km von meiner Heimatstadt entfernt statt, glücklicherweise lebt meine Patentante noch dort. Auf 60m2 mit 2 Kindern und ihrem Mann. Also Luftmatratze ins Wohnzimmer und die Privatsphäre erstmal einen Monat umorganisieren – finanziert habe ich mich in der Zeit durch 80€ Taschengeld und Ersparnisse.

Mein drittes Praktikum war dann in Essen. Nachdem ich hier studiere und damals zur Zeit des Prakitkums an der Uni gearbeitet habe war das alles recht entspannt. Meine Wohnung zahle ich von meinem Lohn und Kindergeld und das Praktikum konnte ich recht flexibel anpassen, so wie meinen Job an Uni.

Aber ohne Verwandtschaft oder eigene Jobs, hätte ich keine dieser Erfahrungen sammeln können.

 

Praktika: Vorraussetzungen für den Job?

Praktika scheinen das theoretische Gold der Personalabteilungen zu sein. Ohne Praktikum einen Job zu bekommen, das wurde mir schon in der Schule ausgeredet und heute mit 22 sieht mein Lebenslauf auch so aus. 3 Praktika, Auslandsaufenthalt mit Sprachschule, einen Job in der Forschung an der Uni und als Werkstudent im Content Marketing für ein mittelständisches Unternehmen mit sehr gutem Ruf.

Bei letzterem Job habe ich mich als Lehrsamtstudent sogar gegen die anderen Bewerber*innen mit Marketinghintergrund durchsetzen können – durch meine Praktika. Es scheint also extrem wichtig zu sein sich ausbeuten zu lassen – oder wie der Arbeitsmarkt es nennen würde: „Zeit zu investieren.“ Aber ich sage: Unfug.

Genauso wie meine Praktika zählten meine Hobbys, meine Lokalpreise für Filme und meine Leidenschaft für Poetryslamming. Genauso wie meine Praktika zählten auch eigene Projekte die ich vorangebracht habe und Erfahrungen die ich bewusst außerhalb des Arbeitsmarktes gesammelt habe.

 

Fazit: Praktikum oder kein Praktikum – das ist hier die Frage

Ja – Praktika helfen euch einen Fuß in die ein oder andere Tür zu bekommen. Aber das tuen andere Dinge auch. Ein Praktikum ersetzt keine Lebenserfahrung – es ergänzt sie nur. Spätestens wenn das Praktikum mit Ausbeutung finanzieller Art und Selbstausbeutung einhergeht würde ich es fallen lassen – solange es euch jedoch Spaß macht und ihr es finanziell tragen könnt, sehe ich in einem Praktikum auch viele Chancen neue Wege zu sehen und neue Ziele zu erkennen.

Wie immer im Leben gilt: Es kommt darauf an – solange ihr Spaß habt und jeden Tag mit einem Lächeln aufstehen könnt und euch denkt „Das was ich mache ist grade richtig.“ Dann mach weiter. Wenn ihr das Praktikum aber nicht 100% genießen könnt, dann schmeißt es hin und startet eigene Projekte oder ein Praktikum das ihr wirklich für euch wollt. Am Ende soll euer Praktikum nämlich niemandem nützen außer euch selber.

Marin

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