Zwischen Selbstverwirklichung und Glück.

Kann man von Flüssignahrung leben?

September 17, 2018.Marin Niehues.0 Likes.0 Comments
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[Produkt durch den Hersteller zur Verfügung gestellt – dies hat keinen Einfluss auf den Test]

Flüssignahrung im Selbstversuch

Flüssignahrung – der heiße Scheiß für Leute mit wenig Zeit, Übergewicht oder wenig Lust zum Kochen. Zumindest wollen uns das die Firmen glauben lassen, die diese alternative Astronautennahrung an den Mann bringen. Der Markt boomt, zig Anbieter bewerben ihre Pülverchen und die Umsätze steigen kontinuierlich. Doch was bringt es wirklich sich wie Major Tom zu ernähren und schießt mich diese Erfahrung ins All oder wird es doch eher ein Rohrkrepierer? Das wollte ich wissen und nach einer kurzen Google Suche bin ich auf das Produkt „Huel“ gestoßen – nach einer kurzen Anfrage für ein Interview im Rahmen meines Selbstversuches wurde mir das Produkt sogar kostenlos zur Verfügung gestellt. Das ist natürlich nett, macht die Pulvermalzeit aber natürlich nicht attraktiver – aber es hieß nun „Augen zu und durch.“

 

Wenn es nach den Herstellern von Flüssignahrung geht, braucht ihr nie wieder feste Nahrung essen. Zumindest was eure Vitamine angeht.

Die ersten Tage mit Huel

Aufstehen, Wecker ausstellen, Soja-Joghurt in eine Schüssel geben und Müsli drauf – seufzen und die Müslischale in den Kühlschrank stellen. Aus lauter Routine hätte ich beinah versagt, bevor ich losgelegt hätte, nun lächelte mich aber frühmorgens ein ein Löffel voller Pulver an. Ab in den Shaker, Wasser drauf und los geht es. Das Ergebnis mutet optisch wie erwartet schaurig an, aber das war zu erwarten wenn man Pulver mit Wasser vermengt uns sich eine vollwertige Mahlzeit erhofft. Also runter mit dem Zeug – ich habe mich auf das Schlimmste eingestellt und es war… gar nicht mal so grausam. Eigentlich sogar recht lecker. Wie Haferflocken als Getränk. Geht klar, kann man machen – echt nicht übel. Ich war absolut positiv überrascht und nach 2 Löffelchen Pulver (rund 350kcal) auch absolut gesättigt. Ich bin eh nicht so der Frühstücksmensch. Nach diesem angenehmen Erlebnis habe ich mich mal ein bisschen näher mit der Zusammensetzung meiner flüssigen Wegzehrung beschäftigt.

Was ist drin in der Flüssignahrung?

Zwar hat jeder Anbeter seine eigene Formel zum Glück, generell lässt sich aber festhalten, dass alle Hersteller mit extrem gesunden Zutaten werben und auf natürliche Inhaltsstoffe setzen.
Das von mir geteste Produkt „Huel“ hat, laut Herstellerwebsite, folgende Zusammensetzung:
Haferflocken, Erbsenprotein, Leinsamen, Reisprotein, Vanillegeschmackspulver, MCT-Pulver aus der Kokosnuss, Sonnenblumenöl und einer Vitamin- und Mineralstoffmischung.

Die Haferflocken schmeckt man auf jeden Fall raus, der Rest definiert sich im Produkt aber nicht heraus. Schlecht schmeckt es allerdings nicht. Einige Hersteller bieten auch spezielle „Geschmackspülverchen“ an um die täglichen Haferflocken aus der Flasche ein wenig zu pimpen – und es klappt. Manche Pülverchen schmeckten leider unnatürlich, aber insgesamt war ich sehr dankbar für die Abwechslung.

Wie fühlt man sich mit dem Nahrungsersatzmittel?

In der Theorie klingt das ja erstmal alles besser als gedacht. Aber wie ist es in der Realität? Ich habe die erste Woche meines Selbstversuches tagesgenau dokumentiert und möchte euch einen Eindruck davon vermitteln, wie es ist wenn man eine oder zwei Mahlzeiten am Tag komplett ersetzt.

Tag 1: Siehe oben.

Tag 2: Ich hatte einen stressigen Tag und habe Huel statt Frühstück und Mittagessen zu mir genommen. 600ml Huel oder rund 3 Löffel waren meine Portion. Der Geschmack ging in Ordnung, es war aber kein Festmahl, danach war ich müde, genervt, unzufrieden und nicht satt. Am Abend hat mich dann der Rebound-Effekt getroffen und ich habe mehr Nahrung zu mir genommen als ich es eigentlich tun würde. Nach diesen Startschwierigkeiten habe ich mir vorgenommen Huel nur noch in Kombination mit ausreichend Wasser einzunehmen.

Tag 3: Am zweiten Tag habe ich viel für die Uni gelernt und wenig Zeit zum Essen. Ich habe mein Mittagessen also durch 2 Löffen (rund 400ml) Huel ersetzt. Das Hungergefühl war einigermaßen gesättigt, aber ich war immer noch nicht zufrieden. Die anfangs gewöhnungsbedüftige Konsistenz war nicht mehr unangenehm und die Süße war nicht mehr so extrem rauszuschmecken. Allerdings konnte ich sehr entspannt weiterlernen. Heute habe ich das Huel auch mit einem Liter Wasser eingenommen und das trug sehr zum Wohlbefinden bei.

Tag 4: Heute wieder zum Brunch 3 Löffel (oder 600ml) Huel neben dem Lernen zu mir genommen. Sehr angenehmes Sättigungsgefühl, kein Völlegefühl und kein Mittagsdurchhänger. Ich bin begeistert.

Tag 5: Siehe Tag 3.

Tag 6: Heute stand mein Huel etwas zu lange auf der Arbeit durch ein spontanes Meeting und schmeckte danach nicht mehr lecker. Schade. Es gab eine Bananenmilch zum Mittagessen.

Tag 7: Am Wochenende wird Huel leider zu einer echten Herausauforderung. Leider fühlt man sich sehr schnell desozialisiert und besonders wenn man, wie ich, am Wochenende gerne selber kocht fehlt eine wichtige Komponente im Alltag.

Tag 8: Am letzten Tag wurden wir von Freunden zum Kochen eingeladen, Huel war also nicht denkbar. Hier haben sich schnell die Grenzen des Konzept des täglichen „Huelens“ aufgezeigt.

Flüssignahrung: Die Gefahr in der Flasche?

Nahrungsergänzungsmittel, Flüssignahrung und ominöse Pülverchen haben bisher oft keinen guten Ruf genießen können und auch die neue Art von Flüssignahrung wird sich diesen Image-Problemen stellen müssen. Viele Horror-Headlines unterstellen zugesetzten Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln höhere Schwangerschaftsabbruchraten und Gesundheitsrisiken, aber wie ernst ist es wirklich und vorallendingen: Wie ernst nehmen die Hersteller solche Sorgen und Headlines. Ich habe direkt bei Huel gefragt und von Maria, der Pressesprecherin des Unternehmens, im Rahmen eines Interviews folgende Antwort bekommen:

„Natürlich nehmen wir solche Kommentare ernst! Wir wollen das Leben der Menschen verbessern und sie nicht krank machen. Huel ist kein Nahrungsersatzmittel, sondern wie schon erwähnt der gesunde Ersatz für Fast Food. Alle Inhaltsstoffe sind so portioniert, dass sie in vorgegebenen Mengen keine Gefahr darstellen können. Langfristige Qualitätskontrolle und Tests führen wir stetig durch. Zusätzlich hat Huel keine Allergene und minimiert dadurch, das Risiko nicht verträglich zu sein. „

Das gesamte Interview könnt ihr ab dem 24.09 hier nachlesen.
Das klingt erstmal sehr gut, aber Langzeituntersuchungen sollten meiner Meinung nach unabhängig davon durch Gremien wie der WHO durchgeführt werden um die dauerhafte Einnahme flüssiger Nahrung zu evaluieren.

Fazit: Flüssignahrung, der heilige Gral der Ernährung?

Vorweg: Es war nicht so schlimm wie erwartet. An Tagen an denen ich viel Stress hatte war es sogar richtig gut. Umso schlimmer war es aber an Tagen, an denen ich eigentlich Zeit gehabt hätte frisch zu kochen, da hat sich der Selbstversuch eher wie eine Selbstgeißelung angefühlt und das kann ja auch nicht das Ziel sein. Ob sich Flüssignahrung lohnt oder nicht hängt also ganz stark vom Tag ab: Wollt ihr selber kochen, mit den Kollegen essen gehen oder seid eingeladen, dann tut das! Dafür lohnt sich das Verzichten dann nicht, besonders wenn man Leuten mit Verweis auf ein kleines Pülverchen ein selbst gekochtes Essen ausschlagen muss. Wenn ihr an einem Tag sehr viel unterwegs seid, Stress habt und maximal Zeit für einen pappigen Burger bei McDonalds hättet, tut es! Ich habe 1-2 Tage gebraucht um mich daran zu gewöhnen, aber das angenehme Sättigungsgefühl und das Ausbleiben des Mittagstief war das allemal wert. Der Preis dieser Produkte varriiert zwischen 1,50-2,50€ pro Mahlzeit und schlägt damit jeden Döner. Da habe ich absolut gar nichts auszusetzen.
Es wird auch nicht bestraft das Produkt nur alle 1-2 Wochen einmal zu nutzen, so wie ich es grade halte – sogar im Gegenteil, es wirkt fast so als wäre der Körper dankbar nicht viel Nahrung zu sich nehmen zu müssen wenn er sich vollkommen mit extrem spannenden Sachen wie seitenlangen Excellisten im Büro beschäftigen darf, die aber auf jeden Fall bis morgen fertig sein müssen.

Werde ich Flüssignahrung also weiternutzen? Ja. Nicht täglich, vielleicht im Urlaub auch überhaupt nicht und ich werde frisch kochen immer vorziehen. Aber wenn ich einen stressigen Tag habe, viel unterwegs bin oder den Tag aus anderen Gründen keine Zeit zum Kochen habe und nichts als Fast-Food in den Bauch bekommen würde, werde ich Huel weiterhin nutzen, um Fast-Food zu ersetzten. Es ist also nicht das Höchste aller Gefühle oder ein Ersatz für unser tägliches Essen, aber durchaus eine vernünftige Alternative zu McDonalds, Burgerking, KFC, Subway und Co. Besonders dann, wenn man das Essen nicht mit etwas Sozialem verknüpft, kann man sehr gut zum Essen in der Flasche greifen.

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